Chinesische Delegation zu Gast in Bad Nauheim
Austausch über die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft
Wie können Städte und Gemeinden mit den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft umgehen? Wie lässt sich Einsamkeit vermeiden und soziale Teilhabe auch im hohen Alter ermöglichen? Und welche Rolle spielen dabei Nachbarschaft, Ehrenamt, Vereine und digitale Angebote?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich heute eine chinesische Delegation bei ihrem Besuch in Bad Nauheim am 25.8.2026. Im Mittelpunkt des Austauschs standen die Erfahrungen der Stadt und der lokalen Akteure im Umgang mit dem demografischen Wandel, der zunehmenden Zahl älterer Menschen und der damit verbundenen Gefahr sozialer Isolation.
Bad Nauheim als Beispiel für gelebte soziale Teilhabe
An dem Austausch waren neben der Stadt Bad Nauheim und dem Familien- und Seniorenbüro auch verschiedene örtliche Vereine und Organisationen beteiligt. Gemeinsam wurde aufgezeigt, wie in Bad Nauheim unterschiedliche Akteure zusammenarbeiten, um Begegnung, Unterstützung und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Dabei wurde deutlich: Eine älter werdende Gesellschaft ist nicht allein eine Aufgabe der Pflege. Sie betrifft das gesamte Gemeinwesen. Michael Otschipka stellte die kommunale Seniorenarbeit der Kommune vor und erläuterte, dass Bad Nauheim, im Vergleich zu anderen Kommunen in Deutschland, mit einem Anteil von 26,6% Senioren (=8711 Senioren) überdurchschnittlich viele Bürger diesen Alters hat.
Nachbarschaften, Vereine, Ehrenamt, Begegnungsorte, soziale Einrichtungen und kommunale Strukturen können gemeinsam dazu beitragen, dass Menschen möglichst lange selbstbestimmt und eingebunden in ihrem vertrauten Umfeld leben können.
Über die Arbeit des Seniorenbeirats in Bad Nauheim gab die Vorsitzende, Dr. Ira Ulla Stamm, eine Übersicht udn erläuterte, dass insbesondere die Vernetzung der Bad Nauheimer Akteure für den Seniorenbeirat im Mittelpunkt steht.
Traugott Arens: „Wir müssen Einsamkeit verhindern, bevor Pflegebedürftigkeit entsteht“
Einen zentralen Impuls gab Traugott Arens, Vorsitzender der Nachbarschaftshilfe Bad Nauheim e.V., mit seinem Vortrag über die Entwicklung einer sorgenden und solidarischen Stadtgesellschaft, die zweisprachig ausgelegt war.
Dabei stellte er die Arbeit der Nachbarschaftshilfe vor und erläuterte, wie durch freiwilliges Engagement, niedrigschwellige Unterstützung und soziale Begegnung neue Verbindungen zwischen Menschen entstehen können.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Frage, wie Einsamkeit frühzeitig erkannt und verhindert werden kann. Denn soziale Isolation beginnt häufig lange vor einer Pflegebedürftigkeit.
Arens machte deutlich, dass es deshalb neue Formen der Zusammenarbeit braucht:
„Wir müssen nicht erst helfen, wenn Menschen pflegebedürftig sind. Wir müssen Strukturen schaffen, die Menschen vorher erreichen – dort, wo sie leben: in ihrem Quartier, in ihrer Nachbarschaft und in ihren Vereinen.“
Vereine als wichtige Partner
Ein weiterer Schwerpunkt des Treffens war die Bedeutung der örtlichen Vereinslandschaft.
Sportvereine, Kulturvereine, soziale Initiativen und andere ehrenamtliche Organisationen bieten nicht nur Aktivitäten an. Sie schaffen vor allem Beziehungen und Zugehörigkeit.
Gerade für ältere Menschen können Vereine deshalb ein wichtiger Schlüssel gegen Einsamkeit sein.
Die chinesische Delegation interessierte sich besonders dafür, wie unterschiedliche Organisationen miteinander vernetzt werden können und welche Erfahrungen Bad Nauheim mit der Einbindung von Ehrenamtlichen gesammelt hat.
Von Bad Nauheim nach China – und zurück
Der Besuch war dabei ausdrücklich als gegenseitiger Erfahrungsaustausch angelegt.
Auch China steht vor enormen Herausforderungen durch den demografischen Wandel und eine schnell alternde Gesellschaft. Dort werden derzeit neue Modelle entwickelt, die stärker auf ambulante Unterstützung, Quartiersstrukturen, Nachbarschaft und soziale Teilhabe setzen.
Damit ergeben sich viele gemeinsame Fragestellungen:
- Wie können ältere Menschen möglichst lange zu Hause leben?
- Wie verhindern wir Einsamkeit?
- Wie gewinnen wir Menschen für das Ehrenamt?
- Wie können Kommunen, Vereine und soziale Organisationen besser zusammenarbeiten?
- Und wie kann Digitalisierung dabei unterstützen, ohne den persönlichen Kontakt zu ersetzen?
Der Austausch in Bad Nauheim zeigte: Die Herausforderungen sind international – und auch die Antworten müssen zunehmend gemeinsam gedacht werden.
Ein starkes Zeichen für Bad Nauheim
Für Bad Nauheim ist der Besuch der chinesischen Delegation eine besondere Anerkennung der lokalen Arbeit. Die Erfahrungen aus der Stadt zeigen, dass soziale Teilhabe nicht allein durch große Institutionen entsteht.
Sie entsteht vor Ort – zwischen Menschen.
- In der Nachbarschaft.
- Im Verein.
- Im Begegnungsort.
- Im Ehrenamt.
- Und durch eine Kommune, die diese Strukturen unterstützt und miteinander verbindet.
Bad Nauheim zeigt damit, wie eine Stadt den demografischen Wandel nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Chance für eine neue Kultur des Miteinanders verstehen kann.
Die Probleme in China
China steht vor einem Altersproblem, das in einigen Punkten Deutschland sehr ähnlich ist, in anderen aber deutlich schwieriger werden könnte. Besonders interessant ist, dass China inzwischen sehr stark auf ambulante, quartiersbezogene und gemeinschaftliche Lösungen setzt – also auf Ansätze, die auch für die Nachbarschaftshilfe interessant sind.
China altert extrem schnell. Ende 2025 waren rund 323 Millionen Menschen 60 Jahre oder älter, also 23 % der Bevölkerung. Rund 224 Millionen waren 65+. Gleichzeitig schrumpft die Gesamtbevölkerung: 2025 gab es nur 7,92 Millionen Geburten gegenüber 11,31 Millionen Todesfällen.
China hat lange auf die Ein-Kind-Politik gesetzt. Dadurch entstand teilweise die sogenannte 4-2-1-Familie:
4 Großeltern → 2 Eltern → 1 Kind
Ein einziges erwachsenes Kind kann irgendwann für zwei Eltern und vier Großeltern verantwortlich sein. Hinzu kommt die starke Land-Stadt-Wanderung: Junge Menschen ziehen in die Städte, während Eltern und Großeltern teilweise auf dem Land zurückbleiben. Damit funktioniert das traditionelle chinesische Modell „Die Familie kümmert sich um die Alten“ immer weniger.
Besonders interessant: China entdeckt die Nachbarschaftshilfe
China setzt inzwischen ausdrücklich auf:
- soziale Organisationen
- Freiwillige
- Nachbarschaftsstrukturen
- Seniorengruppen
- soziale Arbeit
- gegenseitige Hilfe
In den aktuellen Reformen wird sogar die Entwicklung von Freiwilligendiensten für ältere Menschen und eines Systems zur Speicherung bzw. Anrechnung von Freiwilligenzeiten erwähnt.





