Veranstaltung war voller Erfolg

Am 3. Juli lud die Nachbarschaftshilfe zu der Veranstaltung „Senioren am Rande unserer Gesellschaft“ im Rahmen der Inklusionswoche Bad Nauheim ein. Die Veranstaltung ausgebucht und war ein voller Erfolg.

Zur Veranstaltung kamen sowohl viele Senioren, die aus der Praxis und ihrem Umfeld erzählen konnten, Alltagsbetreuer:innen, Vertreter:innen Bad Nauheimer Vereine sowie kommunale Vertreter:innen. So konnte Traugott Arens, Vorsitzender der Nachbarschaftshilfe Bad Nauheim, der auch durch das Programm führte, Steffen Hensel, Sozialausschuss-Vorsitzender, Katja Augustin, Familien- du Seniorenbüro Bad Nauheim und die beiden Vorsitzenden des Seniorenbeirats Hans-Ulrich Halwe und Dr. Ulrich Becke begrüßen.

Zunächst stellte Arens die vier wesentlichen Fakten der Probleme im Alter dar, die anschließend auf Übertragbarkeit auf Bad Nauheim in „nachbarschaftlichen Gesprächen“ sowie im Plenum diskutiert wurden.

„Soziale Isolation älterer Menschen ist trotz vielfältiger Angebote auch ein zunehmendes Problem in Bad Nauheim“

Eines der eklatantesten Probleme ist, dass 40% der älteren Menschen unter Einsamkeit und über 1,1 Millionen laut Aussage des Statistischen Bundesamtes unter sozialer Isolation leiden. Dies wurde sowohl von Betroffenen als auch von Vereinsvertreter:innen bestätigt. Katja Augustin erläuterte die Angebote der Stadt Bad Nauheim, die und vor allem die Informationen der Senioreninformation, die an alle Senioren über 65 Jahre verschickt wird.  „Gerade in der Alltagsbetreuung müssen wir zwischen den Menschen unterscheiden, die noch am gesellschaftlichen Leben und den Angeboten teilnehmen und denen, die sich gänzlich zurückgezogen haben“ so Arens aus der Praxis der Nachbarschaftshilfe, die mittlerweile 230 Senioren regelmäßig zuhause betreut. Konklusiv wurde festgestellt, dass die individuelle Betreuung ausgebaut werden muss.

„Eingeschränkte Mobilität drängt Menschen in die Vereinsamung. Daher müssen auch Senioren im Zuge der Mobilitätsentwicklung in Bad Nauheim gehört werden!“  (Steffen Hensel)

Eine weitere wichtige Einschränkung in der Gruppe der Menschen über 75 Jahren sind 43% nicht mehr mobil und haben große Schwierigkeiten den Öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Dabei ist Mobilität wichtig. „Für mich war es der Gang ins Fitnessstudio“, so Dr. Becke, „der mir ein Stück Mobilität erhält“.  Für andere ist es der Spaziergang um den großen Teich. Jedoch wird für letzteres oftmals eine Begleitung gesucht, die verstärkt auch durch Ehrenamtliche erfolgen kann. Auf die Anmerkung einer Betroffenen, dass Spaziergänge durch Fahrradfahrer immer „gefährlicher“ werden, antwortete Steffen Hensel, dass das sich das Mobilitätsthema der Stadt Bad Nauheim nicht nur um den Autoverkehr beschränken, sondern auch die „Fahrradkultur“ beinhalten sollte, damit Spaziergänger nicht gefährdet werden. „Es ist eine zunehmende Verrohung im Fahrradverkehr zu verzeichnen, und die Politik muss sich dabei auch um die Anliegen der Senioren kümmern“, so Hensel.

„Angst vor Altersarmut und Sorge um die Finanzierung der Wohnräume trifft  Mieter als auch Eigentümer gleichermaßen“

Der Punkt der finanziellen Unsicherheit wurde ebenso stark diskutiert. Dabei ging es nicht nur um Altersarmut, bei der die Nachbarschaftshilfe immer mehr Hilferufe erreichen. Senioren klagen, nicht genügend zu Essen zu haben und auch nicht zur Tafel oder Essensangebote mangels Mobilität nutzen können. Insbesondere war auch die Wohnsituation ein Thema.  Senioren, die ihre Nebenkosten nicht zahlen können, oder auch eine Kündigung erhalten sind nicht selten in Bad Nauheim. Betroffene berichteten über ihre Situation und die Angst vor dem Alter, keine Wohnung mehr zu bekommen, umziehen zu müssen oder sich das Altersheim nicht leisten zu können. Obwohl Bad Nauheim über die Wohnbau betreutes Wohnen anbietet, sind die Wartelisten lang. Peter Hofmann, engagiertes Mitglied der Nachbarschaftshilfe, berichtete in einem Beispiel über generationsübergreifende Wohngemeinschaften und Wohngemeinschaften Ü65 in Karben. „Wohngemeinschaften können aber auch im Kleinen beginnen, denn viele Senioren leben alleine in großen Wohnungen oder Häusern. Hier ist Beratung und Aufklärung und vielleicht eine Vermittlungsbörse ratsam“, so Arens.

„Alt sein bedeutet oftmals an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden, weil man nicht mehr gebraucht wird“

Als letztes Thema wurde „Altersdiskriminierung“ (Ageist) diskutiert. Über 72% der älteren Menschen haben diese schon einmal laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erlebt. Es fängt mit „zu alt zum Arbeiten“ an und hört beim Ausschluss von Veranstaltungen auf. Die Teilnehmer bestätigten dies in der Diskussion und wünschten sich einen wertschätzenden Umgang innerhalb der Gesellschaft. Die Nachbarschaftshilfe plane eine „Experten-Patenschaft“ für Senioren berichtete Traugott Arens. Das gäbe den Menschen wieder die Sinnhaftigkeit am Leben und die Stellung innerhalb der Gesellschaft, die Ihnen gebührt.

Wie können wir die Situation ändern?

„Hier müssen Politik, Organisationen und Betroffene zusammen an Lösungen arbeiten, statt nur zu reden“, so Steffen Hensel. Ergänzend regte Arens an, in kleinen Schritten, z.B. im Rahmen der Veranstaltung „#wir handeln“, der jeden 2. Mittwoch im Monat stattfindet Konzepte zu entwickeln und diese dann schnell umzusetzen. „Zeit bleibt uns nicht mehr viel“, so Arens. „Die sogenannte Babyboomer-Generation tritt jetzt in das Alter ein, indem diese Probleme vorhanden sind. Und diese Generation hat nochmals andere Themen, wie die jetzige Generation der Senioren. Wir müssen jetzt handeln!“

Interessierte Bürger, die an der Entwicklung und Umsetzung von neuen Konzepten für Senioren mitwirken möchten, melden sich gerne bei der Nachbarschaftshilfe Bad Nauheim e.V. unter Telefon 06032 9232-140 oder per E-Mail an wirhandeln@nachbarschaftshilfe-bad-nauheim.de.